04. Dezember 2008
Montgomery Burns, egoistischer Multimilliardär aus der TV-Serie „Die Simpsons“, kennt die Probleme des Alterns: Der Körper wird immer mehr zum Wrack und man hat das Gefühl, dass die Zeit immer schneller gegen einen läuft. Schon mehrmals wurde der betagte Mann in in der Zukunft spielenden Episoden aus dem Eisschrank geholt und aufgetaut. Für einige Menschen ist diese Methode mit der Hoffnung verbunden, irgendwann tatsächlich einfach aufgetaut und damit wieder zum Leben erweckt zu werden. In den letzten Jahren kam allerdings eine weitere Verfahrensweise zum Stoppen des Alterns ins Gespräch: Genmanipulation. Die Veränderung unseres Erbguts soll den Alterungsprozess verlangsamen beziehungsweise komplett stoppen.
Durs Grünbein hat sich in seinem Text „Leute, wollt ihr ewig sterben?“ mit diesem Thema auseinandergesetzt und versucht, weitere Folgen dieses Eingriffs darzulegen.
Grünbein bekennt bereits im ersten Satz einen seiner Kernpunkte seiner Vermutung: „Genetische Hygiene“ wird in Zukunft das erstrebenswerte Ziel sein, Perfektion wird verlangt, um in der Gesellschaft bestehen zu können.
Eine weitere Entwicklung, die laut Grünbein eintreten wird, ist der Bedeutungsverlust des Strebens nach Lebensqualität. Viel mehr haben die Menschen dann den Drang nach Unsterblichkeit. Es tritt eine radikale Änderung unseres Lebens ein. Wie will man zum Beispiel für das Alter planen, wenn man gar nicht alt wird?
Der Autor sieht außerdem die Gefahr, dass wir in Zukunft mehr als Ware und nicht als Mensch angesehen werden. Durch die Molekularbiologie würden wir unsere Individualität verlieren, ein Wandel zur Universalität würde eintreten. Außerdem befürchtet er, dass uns die genetischen Eingriffe immer „durchsichtiger“ machen und unsere Persönlichkeit wie „ein offenes Buch“ für jedermann zugänglich ist. Immer wieder versucht Grünbein, die Komplexität dieses Themas dem Leser durch Verbildlichungen („ein offenes Buch“) vereinfacht darzustellen.
Die Gefahr besteht vor allem deswegen, weil der Mensch nun nicht mehr von außen beeinflusst wird, sondern von innen. Grünbein begründet dies mit der These, dass
uns heute unser Bewusstsein vor einer zu großen Einflussnahme von außen auf unsere Persönlichkeit schützt. Wenn wir nun aber von Grund auf manipuliert werden, sieht der Autor diesen Schutz als nicht mehr vorhanden und somit eine große Gefahr der Fremdkontrolle über uns, zum Beispiel durch die Gesellschaft.
Frei nach dem Motto „Never change a running system“, behauptet Grünbein, dass sich der Mensch in seiner jetzigen Form schon „zehntausende Jahre“ bewährt hat und eine Veränderung unnötig wäre. Diese Grundhaltung kommt auch in einem sehr ironischen Absatz vor, in dem er sich darüber lustig macht, dass der Mensch mit seinem gegenwärtigen Zustand nie zufrieden sein wird.
Einhergehend mit dem Individualitätsverlust nennt Grünbein eine weitere Konsequenz der Genmanipulation. Da nun unsere Erbsubstanz das „Resultat einer technischen Intervention“ ist, verlieren wir unsere eigene Geschichte und Herkunft und entfremden uns somit immer mehr von uns selbst.
Als Konsequenz aus all diesen Entwicklungen bezeichnet Durs Grünbein die Genmanipulation als Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte.
Neben den bereits erwähnten Metaphern und ironischen Bemerkungen verwendet Grünbein weitere sprachliche Mittel. Mehrmals kommen im Text Fragen vor, mit denen er zum Einen sein Unverständnis über das Streben nach der Unsterblichkeit zum Ausdruck bringt und zum Anderen einen Appell an den Leser richtet, dieses Thema nicht auf die leichte Schulter zu nehmen - vielmehr fordert er eine intensive Reflexion.
Des Weiteren ist der Text voller Fremdwörter („Algorithmus“, „Elegie“, „Neurose“), mit denen er - im Gegensatz zu den verwendeten Metaphern - die Komplexität des Themas unterstreicht und die Befremdlichkeit deutlich macht.
Den Aussagen von Durs Grünbein stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber.
Seiner Grundaussage, dass die Genmanipulation durchaus eine Gefahr darstellt, stimme ich zu. Wenn man daran denkt, dass man von der Basis an verändert wird, klingt das zuallererst sehr befremdlich und irgendwie auch angsteinflößend. Auch ich sehe den Verlust der Individualität sehr kritisch, macht sie heute doch einen ziemlich großen Teil des Lebens erst so interessant.
Der Aussage, dass es uns heute doch gar nicht schlecht geht, stimme ich ebenfalls zu, allerdings sehe ich seine daraus resultierende Schlussfolgerung etwas anders. Grünbein wehrt sich offensichtlich gegen Veränderung, ist nicht offen für Neues. Dieser Auffassung kann ich mich nicht anschließen, da Veränderung zum einen „immer da ist“, und zum Anderen Vorraussetzung für das Überleben ist. Wer hätte vor ein paar Jahrhunderten daran geglaubt, dass das Volk einmal ein Mitspracherecht in der Politik hat. Veränderung ist somit ein ganz normaler Bestandteil der Menschheitsgeschichte, auch wenn, wie Grünbein sagt, die „interne Körperpolitik“ ein großer Einschnitt wäre.
Seine Angst vor einer noch größeren Kontrolle durch die Gesellschaft ist nicht unbegründet, aber auch heute kommen wir damit klar. Was mich jedoch mehr stört, ist, dass Durs Grünbein diese Aussage nicht weiterdenkt. Als eine viel größere Gefahr sehe ich die Kontrolle im Bezug zur Politik. Wenn es irgendwann möglich sein sollte, den Menschen dazu zu bringen, etwas Bestimmtes zu denken, stehen wir vor einem viel größeren Problem: Die Demokratie wird keine Chance mehr haben, dafür werden die politischen Verhältnisse von Grund auf verändert. Nicht auszudenken, wenn es in Zukunft auch in der Politik so etwas wie „Monopole“ gibt.
Dass Grünbein Probleme mit der möglichen Offenlegung der eigenen Persönlichkeit hat, kann ich nachvollziehen. Wie man an der gegenwärtigen Diskussion um Online-Durchsuchungen sieht, liegt uns viel an der eigenen Privatsphäre. Auch ich möchte nicht komplett „durchsichtig“ werden und meine Privatsphäre jedem zugänglich machen.
Mit dem Wort „aktuell“ komme ich jedoch zum größten Kritikpunkt an Grünbeins Auffassungen. Er geht an dieses Thema bereits mit einer negativen Einstellung heran und lässt Überlegungen über mögliche positive Folgen komplett weg und verurteilt, wie bereits erwähnt, jeglichen Drang nach Veränderung. Er bedenkt jedoch nicht, dass sich der aktuelle Zustand verändern wird und sich somit auch die Einstellung gegenüber Genmanipulationen ändert. Er bezieht seine Aussagen also ausschließlich auf „heute“. Dass zum Beispiel der Drang nach Lebensqualität vom Streben nach Unsterblichkeit ersetzt wird, ist für ihn unverständlich. Er spricht von der „Verlängerung leerer Lebenszeit“. Früher lebte man nach strengen Traditionen, heute gehen diese immer mehr verloren. Um es mit einer Floskel auszudrücken: Das
ist der Lauf des Lebens. Dinge verändern sich und damit auch die Gesellschaft. Genau diesen Punkt vernachlässigt Grünbein in seiner Argumentation.
Wie unser Leben in der Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht. Klar ist aber, dass sich viele Dinge ändern werden, egal in welche Richtung. Wir können diese Veränderungen annehmen und uns anpassen, oder sie ignorieren und nach den eigenen Vorstellungen weiterleben. Am Ende werden sich diejenigen durchsetzen, die am besten damit klar kommen. Ob wir durch Genmanipulation unsterblich werden, oder ob wir in Zukunft nicht mehr im Sarg, sondern in Eis begraben werden. Wir wissen es nicht und das ist eigentlich auch gut so. Montgomery Burns fällt übrigens kurz nach dem Auftauen in zwei Teile. So viel dazu.