Volker Lösch und Stefan Schnabel:

Die Rechten sind nicht nur die anderen

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Stellen Sie die Argumentation von Volker Lösch und Stefan Schnabel dar. Erläutern Sie knapp die zentralen Aussagen des Interviewausschnitts.
Erörtern Sie - ausgehend von den Thesen von Regisseur und Dramaturg - die Frage, ob Theater
politisch wirken kann und soll.

12. Februar 2009

Die „Ultras“ des Dresdner Fußballvereins Dynamo Dresden sind bundesweit bekannt. Immer wieder fallen sie durch Randale in Stadien oder anderweitigen gewalttätigen Auseinandersetzungen auf. Da wir es hier mit einem ostdeutschen Klub zu tun haben, vermuten die meisten Leute eine direkte Verbindung zur rechtsextremen Szene. Tatsächlich lässt sich das in diesem Falle nicht widerlegen, zu offensichtlich sind die Parallelen. Als ob es nun nicht schon genug Vorurteile gegenüber den Rechten gibt, stärkt die Verbindung zur Ultra-Szene das oft gemalte Bild eines Rechtsextremen und der Großteil der Bevölkerung fühlt sich bestätigt: Rechtsextremismus ist ein Problem der unteren „Schichten“, mit denen wir nichts zu tun haben.
Ist das wirklich so? Und wenn nicht, wie macht man das diesen Leuten klar? Um diese Fragen ging es auch in einem Interview, das die Zeitschrift „Theater heute“ mit Volker Lösch und Stefan Schnabel, den Machern der Theaterstücke „Die Weber“ und „Woyzeck“, geführt hat.

 

Direkt zu Beginn des Interviews stellt Stefan Schnabel klar, dass uns der Begriff „Rechtsextremismus“ in eine falsche Richtung leitet. Er behauptet, dass dies einer der Gründe für die falsche Annahme sei, dass Rechtsextremismus ein Randphänomen und ein Problem bei Jugendlichen ist. Vielmehr komme diese Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft, sagt er. Dies belegt er mit einer Statistik, die unter anderem behauptet, dass drei Viertel aller Sachsen negativ zu Ausländern in Deutschland eingestellt sind.
Um dieses Problem in einem Theaterstück darstellen zu können, fragte er sich, was die Theaterbesucher mit menschenfeindlichen Einstellungen und rechtsextremistischer Gewalt zu tun haben und stellt dies als zentrale Frage ihrer Arbeit dar.
Volker Lösch ergänzt, dass dies kein Theater gegen Rechte sei, sondern ein Theater über „Rechtssein“. Er begründet dies damit, dass er, im Gegensatz zu einem Streetworker, nicht direkt gegen Rechts vorgehen könne, da man im Theater nur ein ganz bestimmtes Klientel erreichen würde. Dies sieht er als großen Nachteil des

Theaters an.
Außerdem bemängelt Lösch die konventionelle Art, wie man im Theater mit Rechtsextremismus umgeht. Es bringe nichts, wenn ein Schauspieler einen „Skin“ spielt, da er seine Rolle gar nicht richtig kennen würde. Dies würde den Zuschauer zwar unterhalten, jedoch käme die Reflexion des Erlebten viel zu kurz. Theater nur zur Unterhaltung, „Rührung statt Berührung“, das wäre laut Lösch der falsche Weg.
Die größte Herausforderung sieht er in der Frage, wie man das Publikum am besten erreichen kann. Hier sieht er einen weiteren Nachteil des konventionellen Theaters, in dem man gar nicht an die Wirklichkeit heran komme.
Nun kommt Volker Lösch auf den „Bürgerchor“ zu sprechen, den er bereits in mehrere Stücke einbaute. In diesem Bürgerchor kommen während des Stücks (meist in den Pausen) die Bürger zu Wort und erzählen zum Beispiel, wie sie zur Demokratie stehen. Die Erfahrung war, dass von den Schauspielern meist nur gestellte Antworten kamen, die intellektuell wirken sollten. Von den „Laien“ erfuhr man hingegen durch direkte, unverstellte Antworten, wie das Volk wirklich denkt, teilweise mit schockierendem Ergebnis.
Stefan Schnabel kommt nun zu dem Schluss, dass es der erste Schritt sein muss, den Irrglauben zu beseitigen, „dass die Rechten die anderen sind“ und „wir damit nichts zu tun haben“. Seiner Meinung nach treiben Aussagen, wie die im Bürgerchor, dazu bei, die Aufklärung über die eigene „gesellschaftliche ,Mittäterschaft‘ an Rechtsextremismus und Gewalt in Ostdeutschland voran zu treiben“. Dass er jedoch von seinem Vorhaben noch nicht restlos überzeugt ist, zeigt der Begriff „Utopie“, den er in diesem Zusammenhang erwähnt und seinen Plan beziehungsweise dessen Auswirkungen somit als Zukunftstraum bezeichnet.

 

Das Grundproblem ist also klar: Der Großteil der Gesellschaft fühlt sich für den Rechtsextremismus nicht verantwortlich und dementsprechend schwer gestaltet sich die „Bekämpfung“. Ist nun aber das Theater ein geeigneter Schauplatz für solche politischen Fragen und kann man so überhaupt etwas bewirken?

 

Meine Antwort auf diese Frage lautet eindeutig „Ja“. Volker Lösch hat zwar Recht mit der Behauptung, dass man im Theater nur ein bestimmtes Klientel erreicht.

Allerdings könnte dies genau der richtige Adressat sein. Schließlich behauptet Stefan Schnabel sogar, dass der Rechtsextremismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Und diese Leute kann man im Theater durchaus erreichen. Hat man diese Menschen dann überzeugt, ergeben sich große Chancen, dass sich das Thema auch in oberen „Schichten“ der Bevölkerung durchsetzt.
Außerdem sollte das Theater meiner Meinung nach nicht nur zur Unterhaltung dienen. Denn wer nur unterhalten werden möchte, geht ins Kino oder schau Fernsehen. Das Fernsehen ist meines Erachtens dagegen nicht mehr wirklich in der Lage, seinem Bildungsauftrag nachzukommen. Zu groß ist die Rolle, die Quoten und damit einhergehende Werbeeinnahmen in diesem Business spielen. Es gehen somit Alternativen zum Theater verloren.
Zwar gilt das Theater in der modernen Welt oft als veraltet, gleichermaßen habe ich aber den Eindruck, dass es immer noch als qualitativ hochwertig angesehen wird. Somit sollte es seinen Stellenwert und seine eigenen Einflussmöglichkeiten als Auftrag zur Erweiterung des Horizonts der Bevölkerung sehen und dementsprechend nutzen.
Wer im Theater sitzt, wird fast schon dazu gezwungen, sich mit dem Stück und seiner Aussage auseinanderzusetzen. Man kann nicht, wie zum Beispiel beim Fernsehen, einfach den Sender wechseln, wenn es einem „zu blöd wird“. Diese Tatsache sollte man ausbauen. Das heißt, man könnte - wie es mit dem Bürgerchor vorgemacht wurde - das Publikum mehr in das Stück mit einbeziehen und die Wirkung massiv verstärken. „Berührung statt Rührung“ hieße dann das Motto, welches dem Theater ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen würde, seinem Bildungsauftrag noch besser gerecht nachzukommen.
Natürlich ist das Theater nicht in der Lage, wie ein Streetworker direkt an der Front zu arbeiten. Aber genau deswegen gibt es auch noch andere Einrichtungen, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen. Das Theater kann und muss auch nicht als Heilsbringer betrachtet werden. Allerdings finde ich, dass die Frage von Schnabel, was Theaterbesucher überhaupt mit Rechtsextremismus zu tun haben, einen zentralen Aspekt unseres heutigen Problems darstellt. Wenn das Theater diese Frage den Menschen beantworten kann, sind wir einen großen Schritt weiter, der dann hoffentlich zum Umdenken und zur Annahme der Mitverantwortung

beiträgt.
Auf keinen Fall sollte man nun aber dem Theater die alleinige Verantwortung übertragen, oder - wie gesagt - das Theater als Lösung aller Probleme sehen. Es sollte aber eine (große) Rolle in einem System spielen, das gemeinsam versucht, unsere gegenwärtigen Probleme in der Gesellschaft und der Politik zu lösen.

 

Am Beispiel der Dresdner „Ultras“ lässt sich dies gut aufzeigen. Ich glaube nicht, dass es etwas bringen würde, diese Leute ins Theater einzuladen und zu hoffen, dass man sie zum Beispiel durch eine Geschichte über die Schandtaten vor und während des Zweiten Weltkriegs in irgendeiner Weise ändern könnte. Vielmehr sollte man es wie im Bürgerchor handhaben und diese Leute zu ihren Einstellungen befragen und damit die dann die Theaterbesucher konfrontieren. Diesen wiederum sollte dadurch klar werden, in welch schwieriger Situation wir uns befinden. Wie bereits erwähnt ist diese Aufklärung Basis für alle weiteren Handlungen, um das Problem lösen zu können und deswegen sollte ihr mehr Beachtung zukommen. Dafür benötigen wir ein „starkes“ Theater.

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